Wie Halle für einen kurzen Augenblick zur Stadt der Sieger wurde

Ich war heute in Halle. Nur kurz. Länger muss man auch gar nicht. Warum auch? Halle…

Meine Reise begann am Leipziger Hauptbahnhof, wo ich bei REWE eine Cola für die Reise kaufen wollte. Vor mir eine ältere Dame mit einem Mantel, den sie noch gekauft hat, als sie jung war und einer kleinen, zierlichen Handtasche. Die hatte, anders als die Frau selbst, den Krieg nicht erlebt.

»Junge Frau, können Sie mir bitte fünf klein Fanta bringen« scheint sie zu sagen. Ich habe meine Kopfhörer noch im Ohr aber die Verkäuferin stürzt an das Getränke-Kühlregal und ich denke mir noch „was macht die da?“ und nimmt vier Fanta in die Hand. Die fünfte fällt prompt runter. Kein Problem. Gehen wir halt zwei mal. Wir haben ja Zeit. Der Zug wartet sicher auf mich.

Es dauert keine fünf Minuten (aber mindestens zwei) bis die Verkäuferin und die Oma (ich darf das so sagen, wir kennen uns zu diesem Zeitpunkt ja schon lange genug) es geschafft haben alle fünf Flaschen Fanta in der Handtasche zu platzieren. Ich dachte bei dieser Tetris-Aktion bereits, dass doch die unterste Reihe Fanta-Flaschen schon längst wieder hätte verschwinden müssen. Nein. Die Handtasche blieb voll.

Meine Kopfhörer schon längst aus dem Ohr und die Augen schon längst verdreht, höre ich den einzigen Supermarkt-Satz der Schlimmer ist als „Storno Kasse Zwei“: »Warten Sie mal, junge Frau. Ich glaub, das hab ich passend“.

Nun kostet die Fanta inklusive Pfand 1,15€. Die Frau hat nun also einen Fünf-Euro-Schein rausgeholt. Ich war schon für einen kurzen Augenblick – unbegründet, wie sich herausstellen wird – erleichtert. Die nächsten 75ct zählt sie einzeln in 1, 2 und 5ct-Stücken aus ihrem Portemonnaie. Zu diesem Zeitpunkt werde ich von Schaffner schon ausgerufen. Gut, dass der Zug nicht ohne mich losfährt.

Im Zug sitze ich bequem und fahre in aller Seelenruhe richtung Halle. Als wir Reisehöhe erreicht haben, rollt der Getränkewagen vorbei. Ich lehne dankend ab.

An der Haltestelle Messegelände steigt eine Gruppe Jugendlicher ein. Die Berufsschüler verspeisen ihre Smarties, M&Ms und Erdnüsse. Lautstark. An meinem Ziel angekommen schaue ich, nach, wo diese Hungertruppe-erstes-Lehrjahr herkam.

Was sonst?

Was sonst?

Jetzt bin ich aber an meinem Ziel und Halle hat bis morgen Nachmittag ihren Status als Stadt der Sieger verloren. Dann werde ich dort wieder für einen kurzen Augenblick umsteigen. Halle wird sich freuen.

Ich erwarte den Schlüssel der Stadt.

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